“Zerstört BILD!”

27.11.2005 | 04:21 Uhr | Medien, Skurriles und Werbung

Vor ein paar Tagen, ich saß (trotz aller guten Vorsätze) in einem öffentlichen Verkehrsmittel, sah ich im Vorbeifahren an einer Bushaltestelle ein Plakat, das meine Aufmerksamkeit erregte.

“Zerstört BILD”, stand in unübersehbaren Lettern darauf, und daneben zerschlug eine sozialistische Arbeiterfaust das entsprechende Bild-Logo. Mehr Zeit blieb mir nicht, das Plakat anzuschauen (auch Busse können in Ausnahmefällen, aber auch nur in Ausnahmefällen, schnell fahren), zumal ein oder zwei Menschen davor saßen und gelangweilt vor sich hin schauten - die Message hingegen war erstmal in mein Kurzzeitgedächtnis gebrannt.

Ich freute mich. Hey, endlich jemand, der’s richtig macht, nur so kann man dem Abschaum deutscher Sensationsgeilheit beikommen. Eine einfache Aussage, großflächig, sicherlich mit einem enormen Werbedruck verbunden, denn wenn so ein Plakat schon an einer wenig befahrenen Stelle in Mainz zu sehen ist, gibt es bestimmt noch viele andere in ganz Deutschland.

Ich mußte grinsen. Plakate, das ist gut, das kommt auch bei der Zielgruppe an. Das Bildblog wird sowieso nur von Menschen gelesen, die die Zeitung eh niemals kaufen würden (wobei ich mich allerdings frage, woher dann die ganzen “sachdienlichen Hinweise” kommen). Bunt malte ich mir ein Ende der Bildzeitungs-Herrschaft aus. Lieber Werbender, wer auch immer Du bist: Vielen Dank. Mach nur weiter so. Meine Unterstützung ist Dir sicher.

Am nächsten Tag - ich war groteskerweise schon wieder mit dem Bus unterwegs - bekam ich erneut Gelegenheit, das Motiv zu sehen. Es war eine andere Stelle und auch ein etwas anderes Motiv, aber unübersehbar vom gleichen Urheber. Ich freute mich schon wieder: Der Werbedruck scheint tatsächlich nicht unerheblich zu sein. Diesmal stand niemand vor dem Plakat, und der Bus hielt sogar ein paar Sekunden davor - lange genug, damit ich entziffern konnte, wer denn überhaupt für dieses Geschenk des Himmels verantwortlich war. “Bund der korrupten Politiker”, entzifferte ich. Es ratterte. Ich murmelte vor mich hin: “Hm, diese korrupten Politiker sind gar nicht so schlimm, wie ich dachte,” als mir längst schwante, was ich vorher partout nicht wahrhaben wollte.

Zerstört die Bild-Zeitung - aber bitte richtig.

Die Kampagne stammt von Bild selbst.

Ja, richtig gehört, sie stammt von Bild selbst, oder besser gesagt von ihren Lakaien Jung von Matt. Jung von Matt, waren das nicht die mit dem wahnsinnig gelungenenDu bist Deutschland“? Genau, die Jung von Matt. Eins muß man ihnen denn auch lassen: Kontrovers ist die Kampagne auf jeden Fall, und heiß diskutiert wird sie auch. Ob sie nun positiv wegkommt (wie bei Peter Nowak in Telepolis) oder negativ (wie bei der Liberalen Stimme wunderbar ironisch, differenziert im netzausfall oder kritisch bei Indiskretion Ehrensache), für mich hat sie ganz klar das Ziel verfehlt.

Mir drängt sich nämlich langsam die Frage nach der Zielgruppe auf. Die “üblichen” Bild-Leser können ja wohl kaum gemeint sein. Ihre Abstraktionsfähigkeit hält sich häufig in Grenzen (wenn man mal von denen, die sie nur zur Belustigung lesen, vielleicht absieht), und die ist zum Verständnis dieser Werbung mehr als notwendig. Außerdem brauchen Bild-Leser als Klientel sowieso nicht mehr gewonnen zu werden. Und die, die mit der Bild ohnehin überhaupt nicht können, werden sich durch eine solche Kampagne in ihrer Meinung nur bestätigt fühlen - endlich spricht die Bildzeitung selber aus, was alle schon längst denken. Und die anderen, bei denen überhaupt keine Emotionen im Spiel sind, die werden wohl nur die große Aussage auf den Plakaten sehen und den Rest überhaupt nicht bemerken. In ähnlichem Zusammenhang hat Christian Gapp in Telepolis einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben.

Zu dieser Begebenheit paßt auch die bei wirres.net gefundene, sehr saftige Haßtirade auf das aktuelle “Leitmedium” (nachdem der SPIEGEL es ja nun wohl nicht mehr ist) von Gerhard Henschel. Gar wunderhübsche Formulierungen findet man da:

Bild ist nicht Pop, sondern Gosse. Bild ist das Sexualorgan, das Millionen impotente kleine Männer von der Straße als ihr eigenes empfinden, und sei es nur zur Befriedigung des Durstes nach Rache an den Reichen und Schönen, die sich durch Reichtum und Schönheit an den sittlichen Idealen eines immer noch kaufkräftigen Mobs versündigt haben.

Und ich, ich sitze immer noch im Bus und erwäge, mit korrupten Politikern und Sozial-Schmarotzern zu sympathisieren.

Das muß es doch eigentlich wert sein.

[Kampagnenfotos bei Focus]


5 Kommentare »

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