Du bist Editor
Es hat so schön angefangen mit dem Wissen der Welt.
Jimmy Wales, Wikipedia-Gründer, hat sich nach berechtigten Vorwürfen entschieden, die Schreibrechte für neue Artikel einzuschränken - zunächst nur dezent. Dabei wird es nicht bleiben.
Die Diskussion um monatelang in der Wikipedia abrufbare Falschaussagen über den Journalisten John Seigenthaler Sr. wirft ein paar Fragen auf, die die Zukunft der Wikipedia maßgeblich beeinflussen dürften. Wer überwacht die Inhalte? (Musterantwort: Die User.) Wer sorgt für Qualität? (Musterantwort: Die User.)
Die Hauptfrage aber lautet: Was könnte der Wikipedia gefährlich werden?
Die Antwort, klar: Die User.
Jeder kann die Wiki-Inhalte beeinflussen. So weit, so gut. Was dabei richtig oder falsch ist, bleibt jedem Einzelnen überlassen. Informations-Anarchie in Reinstkultur. Du bist Editor. Ein klassisches Dilemma: Kaum einer kennt die eigene Biographie besser als man selbst - wie ist es aber, wenn die Wikipedia-Artikel über sich selbst geschrieben werden? Käme dabei eine objektive Personenbeschreibung heraus? Natürlich nicht - dafür gibt es allerdings auch die Menge anderer User, unter denen sich nicht selten auch Kritiker der jeweiligen Person befinden. Die werden’s dann schon richten. Problem also gelöst? In den meisten Fällen vielleicht. Manchmal aber auch nicht. Dafür ist die Datenflut mittlerweile einfach zu groß, zu unübersichtlich. Experten, die manchen Schiefstand geraderücken könnten, fehlen an vielen Enden, so daß im Zweifelsfall nur der offensichtliche Schwachsinn entdeckt und beseitigt wird.
Die Konsequenzen? Sicherlich werden die eingeführten Änderungen nicht die einzigen bleiben. Diese Entwicklung läßt sich wohl kaum noch aufhalten, dafür sind die Risiken auf Dauer zu groß - leider. Meine Prognose: Die Möglichkeiten, Inhalte anonym zu editieren, werden weiter eingeschränkt. Die ultimative Killer-Maßnahme ist dabei jedenfalls die vorherige Registrierung mitsamt vollem Namen und Adresse, bevor man einen beliebigen Artikel ändern will. Das wird sicherlich schon in wenigen Jahren der Fall sein.
Das ist zwar schade - sonderlich schlimm ist das aber nicht. Den Exitus für die Wikipedia bedeutet das auf keinen Fall. Genausowenig zerstört es den Wiki-Gedanken. Klar wird es immer Leute geben, die “Das ist un-wikipedianisch!” schreien, sobald kleine Änderungen am klassischen Konzept gemacht werden. Auch logisch, daß sie damit nicht Unrecht haben - “Wikiwiki” heißt im Hawaiianischen schnell, und schneller wird’s auf diese Weise ganz bestimmt nicht. Der Grundgedanke ist aber weder die Schnelligkeit noch die Unkompliziertheit, sondern die Tatsache, daß man überhaupt die Inhalte eines Lexikons ändern kann, ohne als Redakteur oder als freier Mitarbeiter in der entsprechenden Redaktion angestellt zu sein.
Auch wenn die Einschränkungen sicherlich den ein oder anderen vergraulen werden: Wikipedia wird weiterhin expandieren, und zwar nicht zu knapp. Dafür sorgen die zunehmende Akzeptanz der freien Enzyklopädie und die Verdrängung der anderen, “professionellen” digitalen Lexika (die angesichts der Geschehnisse immer noch bemerkenswert blind durch die Weltgeschichte laufen). Langsam steht die Wikipedia vor der Wahl: hohe Qualität und Konkurrenzfähigkeit mit den klassischen (Print-)Lexika - oder weiterhin die basisdemokratische Beeinflussung aller Inhalte durch jeden Nutzer, verbunden mit einer Anfälligkeit für Fehler, Meinungsfarbe und Polemik, die in einem Blog üblich, in einem Lexikon aber nicht tolerabel ist.
Jimmy Wales hat sich entschieden. Ich denke: Für die richtige Richtung. Die Wikipedia ist kein Gästebuch, in dem jeder seine persönliche Meinung in die Welt brüllen kann. Wissen ist nicht Glauben. Das dürfen auch Wikipedianer, die manchmal einen distanzierten Lexikonartikel von Lobhudelei oder Haßtiraden nicht unterscheiden können, nicht vergessen.
Mach weiter so, Wikipedia. Ich weiß, Du kannst nicht anders.
13 Kommentare »
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[…] rwanzt
19.12.2005 | 18:02 Uhr | Medien und Internet
Ich erinnere kurz an mein Wort zum Sonntag. Und jetzt kündigt Jimmy Wales eine unveränderbare Wikipedia an. Ich k […]
Pingback von zweitnormalität » Verwanzt — 19.12.2005 @ 18:02
[…] Ihr könnt’s wahrscheinlich nicht mehr hören, aber ich kann mir einen Nachtrag zur Wikipedia-Geschichte einfach nicht verkneifen: Jimmy Wales hält das Ändern von biographis […]
Pingback von zweitnormalität » Wer im Glashaus sitzt — 20.12.2005 @ 14:59
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